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Langsam senkt sich der Schleier der Nacht auf die Welt herab.
Stellen Sie sich vor, Sie kommen von einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause. Eine Reise durch einen Wald voller Drachen hätte nicht schlimmer sein können als das letzte Meeting; müde tauschen Sie Anzug oder Kostüm gegen einen Pyjama aus feinster arabischer Seide, durchwirkt mit Goldfäden und besetzt mit Hermelin.
Was halt gerade so im Schrank hängt.
Ein wenig mittelalterliche Lektüre wäre genau das Richtige, um den Tag ausklingen zu lassen. Prüfend streift Ihr Blick über die Bücher im Regal. Vielleicht den Parzival...? Nein, viel zu lang. Morgen muss schließlich wieder in aller Herrgottsfrühe gegen den Chef tjostiert werden. Ihre Wahl fällt stattdessen auf eine ganz besondere Schrift: die Kaiserchronik.

Mitte des 12. Jahrhunderts, als die Erzähl- und Dichtkunst
auf deutschem Boden gerade erst am Anfang ihrer Blüte-
zeit stand, verfassten Unbekannte dieses außergewöhnli-
che literarische Werk. Mit einem Umfang von
etwa siebzehntausend Versen wirkt es zunächst weniger
wie leichte Lektüre, die man vor dem Schlafen-
gehen durchblättern kann. Doch das täuscht:
Die Kaiserchronik ist in insgesamt vierundfünfzig
kurze Geschichten – sogenannte Viten – unterteilt,
die man unabhängig voneinander lesen kann. In ihnen
wird über die Ereignisse im Leben verschiedener römischer Kaiser und anderer Figuren berichtet. Dabei legen die Chronisten laut eigener Aussage großen Wert auf Fakten:

Ein buoch ist ze diute getihtet,
daz uns Rômisces rîches wol berihtet,
gehaizzen ist iz crônica. 
[…]  
lugene unde ubermuot
ist niemen guot. 
Die wîsen hôrent ungerne der von sagen.
nû grîfe wir daz guote liet an. 

[Dieses Buch ist in deutscher Sprache gedichtet
und unterrichtet uns zuverlässig über das Römische Reich.
Es trägt den Titel „Chronica“.
[...]
Lügen und Hochmut
tun niemandem wohl.
Kluge Leute hören dergleichen ungern.
Kommen wir jetzt zu dem wahren Lied!]* 

Wer einen Blick in die Viten wirft, bemerkt sofort, dass es natürlich keinen Grund gibt, diese Worte anzuzweifeln. Speziell Geschichten wie die über Kaiser Nero, der schwanger wird und erfolgreich eine Kröte zur Welt bringt, oder die des Römers Jovinus, der sich erst freiwillig als Opfergabe für die Götter in eine Feuersbrunst wirft, nachdem er mit jeder einzelnen Frau in ganz Rom schlafen durfte, zeigen: In dieser Chronik steht nichts als die Wahrheit...
Für Leser, die sich an mittelhochdeutschen Erzählungen erfreuen möchten, es aber eher kurz und knackig mögen, ist die Kaiserchronik ideal. Sämtliche Viten sind durchdrungen von antiken Mythen und mittelalterlichen Legenden; dass die Chronisten offensichtlich fabulieren, aber doch behaupten, historische Wirklichkeiten wiederzugeben, macht den Reiz der Lektüre aus.
Um Ihnen einen kleinen Einblick in die Kaiserchronik zu ermöglichen, präsentiert die Tavelrunde im Folgenden zwei ausgewählte Viten. Den Anfang macht die morbide Geschichte eines tyrannischen Herrschers, für den das Volk im wahrsten Sinne des Wortes „Feuer und Flamme“ war.

*Die Kaiserchronik. Eine Auswahl. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Mathias Herweg. Stuttgart 2014
(Reclams Universal-Bibliothek; 19270). Vv. 15-42.


Der wissbegierige Schlächter: Eine Vita über Kaiser Nero

 

Unser Cocktail: Der „Kaiser Nero“

20180305 210415

Zutaten:

Zubereitung:

Nur weil Rom in Flammen steht, müssen Sie ja keinen Brand haben! Geben Sie darum einige Eiswürfel in ein Cocktailglas. Fügen Sie Whisky, Zimtsirup und Ginger Ale hinzu. Anschließend rühren Sie alles um und füllen das Ganze mit Kirschsaft auf, damit das Getränk auch schön blutig wirkt. Verzieren Sie den Drink mit einer auf einen Holzspieß gesteckten Fruchtgummi-Kröte und servieren Sie den „Kaiser Nero“, solange die Trümmer der Stadt noch heiß sind.

 

„Schneidet ihr den Bauch auf.“ Neros Lippen umspielte ein bösartiges Lächeln, als er den Befehl erteilte.
Seine Fürsten waren hastig aus dem Saal verschwunden, nachdem er ihnen mit einer Handbewegung zu verstehen gegeben hatte, dass er ihrer überdrüssig geworden war. Er hatte ihren Angstschweiß förmlich riechen können, als sie davoneilten.
Neros Lächeln wurde bei der Erinnerung daran noch breiter. Versonnen zupfte er an seiner Lyra, während er auf seine Mutter hinabblickte, die von zwei Männern der Palastwache festgehalten wurde. Das war auch nötig, denn dem todesbleichen Weib versagten die Beine vor Furcht.
Einer der Palastwächter runzelte die Stirn. „Herr?“, fragte er.
„Du hast mich schon verstanden.“ In Erwartung dessen, was kommen würde, klang Neros Stimme ganz munter. Schon seit dem Morgengrauen plagte ihn die Neugierde auf nahezu unaussprechliche Weise. Eine Qual, der er nun Abhilfe schaffen würde. „Schneidet ihr den Bauch auf. Ich will mit eigenen Augen sehen, wie ich einst in ihrem Leibe gelegen habe.“
„Aber Herr... eure eigene Mutter...“
Der Kaiser bedachte den Wächter mit einem durchdringenden Blick. Der Mann verstummte. Zögerlich betrachtete er die Frau, die zwischen ihm und seinem Kameraden zitterte und weinte. Er seufzte und bat die Götter um Vergebung für das, was er nun tun würde.
Dann zog er sein Schwert.

 

Nach Kaiser Claudius erlangte ein Tyrann namens Nero die Herrschaft über Rom.

 [D]er was der aller wirste man
der von muoter in dise werlt ie bekom.
[Der war der schlimmste Kerl,

den je eine Mutter gebar.] (Kaiserchronik, Vv. 4085f.)

Sein Wissensdurst war unstillbar, doch erlangte er durch ihn keine Weisheit, denn all seine Experimente waren böse und zerstörerisch. Nero kannte kein Mitleid – weder seiner Mutter, noch seinem Volk gegenüber:

Rôme hiez er ze ainen stunden
zwelfen enden zunden:
daz dûht in ain scône spil.
[Eines Tages ließ er Rom

an allen zwölf Ecken in Brand setzen.
Das hielt er für vergnügliche Kurzweil.] (Kaiserchronik, Vv. 4087ff.)

Als seine eigene Stadt in Flammen stand, befahl der Kaiser seinen Rittern, sich zu wappnen und in der Feuerbrunst auf Leben und Tod gegeneinander zu kämpfen. Die, die sich weigerten, wurden gefangengenommen und den Hunden vorgeworfen.
Vergnügt lauschte Nero den fürchterlichen Schreien und dem Knistern und Knacken des Feuers.
„Nun kann ich endlich sehen, wie es den Trojanern erging, als die Griechen sie im Krieg mit Stahl und Feuer quälten“, sagte er und schaute zu, wie Häuser und Menschen in Rauch aufgingen.
Nicht allein die Schwangerschaft seiner Mutter faszinierte Nero. Der ganze Prozess, das Heranwachsen eines Kindes im weiblichen Körper, zog ihn so sehr in seinen Bann, dass er eines Tages eine Gruppe Ärzte in den Palast bringen ließ.

 er sprah, er newoltes nehain rât haben,
er wolte selbe kint tragen.
[Er sprach, er wolle unbedingt

selbst ein Kind im Leibe tragen.] (Kaiserchronik, Vv. 4117f.)

Entsetztes Schweigen senkte sich über den Saal, nachdem er dies verkündet hatte. Schließlich ergriff einer der Ärzte furchtsam das Wort.
„Herr, wir können versuchen, dich schwanger zu machen. Aber bedenke, dass ein Mann von Natur aus keine Kinder gebären kann. Deshalb fürchten wir, dass du schreckliche Qualen erleiden musst, wenn wir deinem Befehl Folge leisten. Du könntest sogar sterben.“
„Wenn ich leiden muss, werdet auch ihr leiden. Merk dir meine Worte: Wenn ich auch nur das leiseste Unwohlsein verspüre, dann lasse ich euch alle bei lebendigem Leibe verbrennen. Gebt euch also Mühe!“
Da der Kaiser keinen Widerspruch duldete, machten sich die Ärzte mit fieberhaftem Eifer an die Arbeit. Durch ihre wundersamen Tränke und anderen Mittel wuchs in Nero tatsächlich bald etwas heran; ein widerliches Kriechtier, das ihn aufblähte, bis schließlich die Zeit der „Niederkunft“ gekommen schien. Der Kaiser, gefangen in seinen kranken Phantasien, wollte sich ganz wie eine schwangere Frau verhalten und zog sich deshalb für die Geburt in seine Gemächer zurück.
Nach sieben Tagen fühlte Nero, wie das Gewürm in seinem Leib plötzlich mit aller Macht ins Freie drängte. Unter den Augen des entsetzten Gesindes warf er sich bäuchlings über einen Tisch. Er hustete und röchelte; dann brach aus seinem Mund eine riesige Kröte hervor.
Lata rana!“, riefen die Römer entsetzt, was soviel bedeutet wie: „Ein breiter Frosch!“
Die Neuigkeit von der grauenhaften Schwangerschaft des Kaisers verbreitete sich in Windeseile in der ganzen Stadt. Sie schockierte die Menschen so sehr, dass der Palast, in dem Nero eine Kröte gebar, von diesem Zeitpunkt an nur noch „Lateran“ genannt wurde.

Im Laufe seines Lebens beging Kaiser Nero noch viele grausame Verbrechen. Ob er am Ende dafür bestraft wurde wie so viele andere ubele chunige in der Kaiserchronik, muss der geneigte Leser selbst herausfinden. Nur soviel sei verraten: Als Nero dem Tod ins Auge blicken musste, war ihm bewusst, dass ihm niemand auch nur eine Träne nachweinen würde. Also beschloss er, dem römischen Volk einen letzten Grund zum Trauern zu geben...


Eine Vita zwischen Gut und Böse: Crescentia und die ungleichen Brüder

 

Unser erster Cocktail: Der "Hässliche Dietrich"

Zutaten:

Zubereitung:
Nach diesem Cocktail werden Sie nicht mal mehr Ihre eigene Frau erkennen! Der „Hässliche Dietrich“ sieht aus wie ein Finsterling, punktet aber durch seine süßen, inneren Werte. Geben Sie einfach ein paar Eiswürfel in irgendein Glas – je unansehnlicher, desto besser – und gießen Sie anschließend Rum, Met und Zitronensaft darüber. Füllen Sie alles mit Cola auf und servieren Sie das Getränk bei Ihrer nächsten Heerfahrt.

Unser zweiter Cocktail: Der "Schöne Dietrich"

Zutaten:

Zubereitung:
Um diesen herrlich güldenen Cocktail mit der bitteren Seele zuzubereiten, füllen Sie zunächst ein paar Eiswürfel in ein turmhohes Glas. Danach geben Sie Martini, Gin, Tonic Water und Zitronensaft hinzu und füllen das Ganze mit Pink Grapefruit-Limonade auf. Dekorieren Sie Ihren Cocktail nun mit der Zitronenscheibe und einer Olive, die so schwarz und klein ist wie das Herz des schönen Dietrichs.

 

Es war noch früh am Morgen, als der alte Fischer in seinen Kahn stieg. Ein kühler Wind strich über sein von Sonne und Wetter gegerbtes Gesicht, als er flussaufwärts ruderte, um seine Netze einzuholen.
Plötzlich erregte etwas am Rande des Flussufers seine Aufmerksamkeit. Dort, zwischen den Sträuchern, die ihre Schatten auf das Wasser warfen, trieb ein seltsamer Gegenstand im Wasser. Der Mund des Fischers wurde trocken, als er erkannte, was es war.
Der leblose Körper einer Frau.
Als die Ehefrau des Fischers die Tür öffnete und sah, was für einen Fang er heimgebracht hatte, schlug sie vor Schreck die Hand vor den Mund.
Schnell trug der Fischer die Bewusstlose zum Feuer. Ihre Haut war eiskalt.
„Nun atme schon, Kind“, murmelte der alte Mann verzweifelt. „Bei Gott, so atme doch...“
Plötzlich ging ein Schauer durch den Körper der Frau. Im selben Augenblick begann sie zu husten und nach Luft zu ringen.
„Dem Himmel sei Dank!“, rief das Weib des Fischers erleichtert.
Das Mädchen schien einiges an Wasser geschluckt zu haben, doch bald wurde ihr Atem ruhiger, gleichmäßiger. Ihr Bewusstsein kehrte langsam aus dem Totenreich zurück.
Crescentia schlug die Augen auf.

 

Viele Wissenschaftler nennen die folgende Geschichte die Narcissus-Vita. Seltsamerweise, könnte man sagen – schließlich stirbt der römische Kaiser, der diesen Namen trägt, schon nach etwa zwanzig Versen. Die Person, die eigentlich im Zentrum der Handlung steht, ist eine Frau. Eine Frau, so wandlungsfähig und rein wie das Wasser, aus dem sie immer wieder neu entsteht.

Der erwähnte Kaiser Narcissus hatte zwei Söhne. Es waren Zwillinge, deshalb trugen beide den gleichen Namen: Dietrich. Um zu entscheiden, wer nach dem Tod ihres Vaters das römische Reich regieren sollte, hielten beide um die Hand einer Prinzessin an, die alle anderen Damen durch ihre Schönheit und edle Gesinnung überstrahlte wie der helle Mond die Sterne. Ihr Name war Crescentia. Derjenige, den sich die Dame zum Manne erwählte, sollte die Kaiserkrone tragen und über ganz Rom herrschen.
Der eine der beiden Brüder, der schöne Dietrich, war ein stattlicher Held von makellosem Aussehen, doch tief in seinem Herzen verbargen sich Schlechtigkeit, Wollust und Gier. Sein Zwilling dagegen, der der hässliche Dietrich genannt wurde, hatte zwar eine schrecklich bleiche Haut und pechschwarzes Haar, aber eine gute Seele. Crescentia erkannte das:

der dâ wirs was getân,
den nam diu frouwe guote;
der geviel ir baz in dem muote,
denne der ander tæte.
[Da nahm die edle Dame
den Hässlicheren,
denn er gefiel ihr nach seiner Gesinnung
besser als der andere.]
(Kaiserchronik, Vv. 11409-11412)

So wurde der hässliche Dietrich nicht nur der Gatte der Prinzessin, sondern auch Kaiser des römischen Reichs.

Als er eines Tages zu einer Heerfahrt aufbrechen musste, gab er seine Frau in die Obhut seines Bruders. Doch der schöne Dietrich hatte nicht vor, sich um das Wohlergehen seiner Schwägerin zu kümmern. Ganz im Gegenteil: Dafür, dass sie seinen hässlichen Zwilling geheiratet hatte und nicht ihn, wollte er bittere Rache nehmen. Also stellte der schöne Dietrich sie vor eine grauenvolle Wahl: Crescentia sollte freiwillig mit ihm schlafen und so ihren Gatten betrügen. Andernfalls, sprach der hasserfüllte Mann, würde er sie mit Gewalt nehmen.
Crescentia jedoch war eine kluge Frau. Rasch ersann sie eine List, um der Falle ihres Schwagers zu entkommen und behauptete, sich ihm tatsächlich hingeben zu wollen – allerdings nur, wenn er zuvor einen Turm errichten ließe, in dem ihre Unzucht vor aller Augen verborgen bliebe. Der schöne Dietrich, worum sie ihn bat. Doch als der Turm schließlich fertig war, ließ Crescentia ihren Schwager unter einem Vorwand zuerst das Gemäuer betreten – und schloss ihn im Inneren ein.
Als der schöne Dietrich erkannte, dass er gefangen war, hämmerte er verzweifelt gegen die Türen. Süßer als gewürzter Wein waren seine Worte, als er Crescentia anflehte, ihn wieder hinauszulassen, doch es war vergebens. So blieb er zwei Jahre lang in einem Verlies, das er selbst erschaffen hatte.
Bis eines Tages der Kaiser nach Hause zurückkehrte.
Weil sie ihn nach all der Zeit endlich geläutert glaubte, entließ Crescentia ihren Schwager aus dem Turm. Doch sein Durst nach Rache war während der Gefangenschaft nur noch größer geworden. Kaum, dass er wieder frei war, ritt der schöne Dietrich seinem Bruder entgegen und überzeugte ihn davon, dass Crescentia sich während der Abwesenheit ihres kaiserlichen Gemahls wie eine Furie, ja, wie eine wahre Hure des Teufels verhalten hätte.
Der hässliche Dietrich – gutherzig, aber naiv – glaubte ihm sofort:

Er sprach: „tuo swaz dir gevalle,
ich verzîhe mich ir betalle.
nu enlâ mich si niemer bescowen!“
sîn pruoder hiez die frouwen
sîne holden pinden,
der raise niht erwinden,
ê si in der Tîver swebete,
den selben tach unz âbende niemer gelebete.
[Der König sprach: „Tu mit ihr, was du willst,
ich habe nichts mehr mit ihr zu schaffen.
Lass sie mir nie mehr unter die Augen treten!“
Sein Bruder befahl seinen Getreuen,
die Königin zu binden;
sie sollten sie abführen
und im Tiber ertränken,
damit sie diesen Abend nicht mehr erlebe.] (Kaiserchronik, Vv. 11836-11844)

Doch Crescentia ertrank nicht. Der Fischer und sein Weib retteten und kümmerten sich um sie, ohne zu wissen, dass die mysteriöse Unbekannte in Wahrheit ihre Kaiserin war.
Gleichzeitig kam großes Unheil über das römische Reich. Gott strafte die beiden Dietriche: den einen für seine Schlechtigkeit, den anderen für seine Naivität. Aussatz befiel ihre Körper und fesselte die Männer ans Bett, wo sie qualvoll dahinsiechten.

Als die verstoßene Crescentia nach einiger Zeit an den Hof eines Herzogs kam, erkannte auch dieser seine Herrin nicht wieder. Allerdings bemerkte er, dass diese filia naufragata – die schiffbrüchige Tochter, wie er das Mädchen nannte – klug und von edler Abstammung war. So machte er sie zur Lehrerin seines Sohnes. Diese Entscheidung gefiel allen bei Hofe – mit Ausnahme des Statthalters. Er, der vicedominus des Herzogs, hasste Crescentia von ganzem Herzen, denn obwohl er ihren Körper begehrte und ihr immer wieder Kleider und teuren Schmuck im Austausch für eine Liebesnacht versprach, weigerte sich Crescentia strikt, seine Buhle zu werden. Deshalb schmiedete er einen teuflischen Plan, um sich an ihr zu rächen. Genauso, wie der schöne Dietrich es einst getan hatte...

Die Frau, von der diese Vita der Kaiserchronik handelt, wird verstoßen und verurteilt, als Hure und Mörderin beschimpft, geschlagen und gequält. Doch ähnlich wie der Phönix, der aus der Asche aufersteht, versinkt sie immer wieder in den reinigenden Fluten des Wassers, um erneuert daraus hervorzugehen. Solange, bis sie eines Tages ihrem todkranken Mann gegenübersteht, der die verwandelte Märtyrerin nicht erkennt. Nicht einmal, als sie die Worte ausspricht, die seine Rettung bedeuten könnten...